Interview // Mine über ihren kreativen Perfektionismus

Mine veröffentlichte vergangenen Freitag ihr drittes Studioalbum “Klebstoff”. Die ungern selbstbetitelte Perfektionistin nimmt uns mit “Klebstoff” auf eine Reise von selbstbestimmt bis selbstreflektiert. Ihre Titel thematisieren Gefühle und Etappen, mit denen sich Mine selbst während des schreibprozesses beschäftigte. Ebenso holt sie sich auch musikalische Unterstützung von u.a. Großstadtgeflüster und Giulia Becker.

Wir haben sie an ihrem Releaseday getroffen und haben uns zwischen Glückwünschen und Tulpen über “Klebstoff” und Mines Kunst unterhalten.

„Ich bin der Wahrheit ein bisschen nähergerückt“

In deinem Song “Klebstoff” geht es um Erlebnisse die an einem Haften bleiben. Du hast nun das ganze Album so genannt. Ist das die Hauptaussage bzw. der Rote Faden der sich über jeden Track zieht?

Ja, ich bin nicht so das ich mir von vornherein Gedanken mache worum geht es in dem Album und dann schreib ich Songs die dazu passen. Vor allem ist es so, dass ich es immer in einer gewissen Zeitspanne schreibe und ich mir genau in dieser Zeitspanne ähnliche Gedanken mache so das es dann automatisch thematisch zusammengeht. Ich finde was die Songs vereint, deswegen habe ich mir danach gedacht ich nehme Klebstoff als Titel, ist das es um Selbstreflexion geht und um zu schauen wie bin ich und wo kommt es her. Deswegen geht es schon darum, nur nicht bezogen auf die letzten eineinhalb Jahre sondern auf das ganze Leben. Das ist mir in den letzten eineinhalb Jahren klargeworden. Was heißt klar geworden, ich bin der Wahrheit nähergerückt.

Mine in „Klebstoff“

Inwieweit war die Entstehung eines so gefühlvollen Albums auch ein therapeutischer Prozess?

Es ist immer für mich sehr therapeutisch zu schreiben. Wenn es mir nicht so gut geht oder wenn ich sehr unsicher bin oder so, dann bin ich am liebsten alleine aber habe dann trotzdem das Bedürfnis es rauszulassen  und dann mache ich halt Musik. Nicht wenn es mir richtig schlecht geht, so kurz bevor ich merke es geht langsam bergauf. Dann fange ich meistens an zu schreiben. Ich finde das solche Einschnitte im Leben am meisten mit einem machen und einen am meisten verändern. Wenn ich dann so eine Erkenntnis habe, dann denke ich immer “Krass, das muss ich festhalten”.

Welche Musiker oder Aufnahmen haben dich beim Entstehungsprozess am meisten inspiriert?

Trettmann auf jeden Fall. Ich hab da auch angefangen mehr Ami-Rap zu hören aber auch mehr Indie Pop wieder. Ich hab vorher mit der Platte mit Fatoni fast nur Deutsch-Rap gehört und in den letzten Jahren allerdings nicht mehr so. Aber so ganz Große kenn ich gar nicht richtig. Z.B. Kapital Bra, ich kenn den Namen und ich weiß das er voll groß ist und krass erfolgreich aber ich kenne die Songs nicht so richtig weil es nicht meine Art von Hip Hop ist. Ich höre dann eher so Hip Hop für die ältere Generation. Aber diese Straßenrap Sachen sind nicht so meins außer Hafti. Dann noch viel Indie Pop aus Island. Sehr Sphärisch.

Du hast ja einen sehr breitgefächerten Musikgeschmack. Ist es dann auch so das wenn du eine Weile viel Indie pop hörst, dass deine Songs eher in die Indie Pop Richtung gehen oder wenn du monatelang nur Deutschrap hörst, dass du dann 1-2 Rapsongs rausbringst?

Ja ich glaube ich stoße da auch an die Grenze. Ich versuche es ja auch nicht nachzumachen. Also es inspiriert mich und ich mag es auch. Z.B. gibt es Sachen da kann man erkennen “Da kommt die Bassline her” aber ich hab trotzdem noch so eine Note die ich automatisch mit reinbringe weil es mir am besten gefällt. Und dann löst es sich son bisschen von der Idee. Sonst wäre es auch Kopie, das will ich auch nicht machen.

„Egal welche Inspiration es war, ich mach dann doch nochmal ne Kuhglocke rein“

Aber das könnte gar nicht passieren weil ich kompetenzmäßig gar nicht in der Lage bin das genau so nachzubauen. Weil ich eben meine Skills habe mit denen ich arbeite. Ich stehe zB sehr auf Percussion Sachen. Frickelige Sachen. Und es gibt selten einen Song wo nicht noch tausend Percussion Sachen drin sind und bei mir ist es dann egal welche Inspiration es war, ich mach dann doch nochmal ne Kuhglocke rein.

Du schreibst ja nicht nur deine Lieder selbst sondern produzierst sie ausschließlich.

Dennis Kobarts und Markus Wüst, die mischen das dann auch. Ich bringe recht fertige Sachen auch mit aber die zwei machen dann den letzten Schritt. Die machen das auch viel länger als ich und sind technisch erfahrener.

Ebenso hast du aber auch viele Kooperationen auf deinem Album wie z.B. Großstadtgeflüster. Inwieweit sind diese Künstler involviert in das Songwriting und der Produktion?

Nee bei Großstadtgeflüster war es sogar so das es von denen kam. Ich war bei denen im Studio und wir haben überlegt ob wir was zusammen machen und dann haben wir Sachen bei denen gehört die nur so halb fertig waren und da gab es einmal den Song “Guter Gegner” also da gabs auch schon die Hook und der Vers war aber noch anders, alles war ein bisschen anders und dann habe ich die Spure mit nach Hause genommen und produziert und hab einen Vers geschrieben und habs dann zurückgeschickt und hab dann noch Streicher aufgenommen und so Sachen. Meistens ist es aber so, ich arbeite nicht so das man zusammen schreibt, sondern das man sich ne Version macht und dann schickt man sie zurück und dann machen die was und dann schicken sie es wieder zurück.

„Es ist wie bei Kunst – entweder kaufe ich es oder nicht“

Wenn ich zB ein Feature möchte oder anfrage, das geht ja nicht immer, dann lasse ich immer einen Teil frei in der Produktion und dann schicke ich es dahin und dann sag ich aber auch immer mach was du willst weil ich finde es voll wichtig wenn man einen Künstler fragt dass er nicht zu arbeitet sondern das er die Freheit hat alles zu machen was er gerne will. Und bis jetzt ging es ganz gut so. Einmal gab es die Situation dass ich dachte “mh das gefällt mir nicht so” aber ich will dann auch nicht an dem rumfeilen was die anderen machen. Ich nimms dann entweder, also es ist wie bei Kunst entweder kauf ichs oder nicht.

Was ist in dem Fall passiert? Hat es im Endeffekt stattgefunden das Feature?

Ja, tatsächlich hat er einen neuen Vers geschrieben. Ich hatte nur gesagt, mir hat es nicht so gefallen und es passt nicht so zum Song. Wenns mein Album ist, dann entscheide ich am Ende ob es draufkommt oder nicht. Da hat der Tua es so verändert das es in sein Album passt und ich fand das ok.

Einer der eher poppigen Songs ist S/W. Worum geht es darin genau?

Ich bin leider ein sehr unausgeglichener Mensch. Also entweder denke ich es ist alles voll geil oder ich denke „warum mache ich überhaupt Musik, ich bin zu schlecht“. Das wechselt ziemlich oft und manchmal kann man sich gar nicht vorstellen, dass man sich anders fühlt und dann ändert es sich am nächsten Tag schon und man fühlt sich ganz anders als vorher. Ist manchmal ein bisschen random, manchmal gibt es auch Gründe aber das finde ich auch voll scheisse. Ich versuche auch immer, wenn ich merke es kommt sowas hoch, egal ob zu positiv oder zu negativ, dann versuche ich es zu checken und es runterzudrücken damit ich eben nicht nächste Woche durchdrehe.

Wenn so etwas auf Tour passiert, hast du da so deine geheimen Trick? Meditierst du oder schreibst du?

Ich schreib tatsächlich auch auf Tour. Ich schreib so einen Song im Monat. Wenn ich auf Tour bin dann beiß ich immer die Zähne zusammen egal was da geht. Ich muss konzentriert arbeiten. Es ist nicht nur Party und jeder macht was er will und es macht nur Spass, also es macht natürlich mega viel Spass. Aber mir geht es vor allem darum gute Konzerte zu spielen und sich auf die Arbeit zu konzentrieren und wenn ich dann merke, dass ich da irgendwie ein bisschen Grumpie bin weil es mir zuviel wird dann versuche ich mich zu chillen.

„Ich schreibe so einen Song im Monat“

Wenn ich überfordert bin oder einen Fehler mache auf der Bühne, dann komme ich damit nicht so gut klar und dann bin ich so down und dann leiden alle anderen darunter. Weil wenn die anderen von der Bühne runterkommen und voll happy sind und ich sitz da mit einer schlechten Laune weil ich so unzufriedern bin mit mir, dann ist das voll uncool vor allem für die anderen Leute die an dem Projekt arbeiten.

Deswegen probiere ich dann schon das irgendwie runterzudrücken oder ich gehe eben gleich ins Hotel weil wenn ich merke ich kriege es nicht hin dann muss ich mich physisch davon trennen. Dann will ich das zumindest mit mir alleine ausmachen, dass keine anderen Leute darunter leiden.

Das heißt du bist ein Perfektionist. Würdest du dich einen Perfektionisten nennen?

Ja, ich dachte es nie aber wenn ich es vergleiche mit anderen hab ich schon inzwischen das Gefühl das ich perfektionistisch bin. Aber es ist schon besser geworden, es war mal schlimmer.

„Wenn ich ein Instrument geil finde, geht es ziemlich schnell mit dem Kaufen“


Du erlernst gerne außergewöhnliche Instrumente (Autoharp, Phillicorda und Omnicord). Gibt es eines mit dem du bereits liebäugelst für eine zukünftige Produktion?

Ich habe mir gerade eine Kitar gekauft für die Tour. Ich freu mich schon und muss echt noch ein bisschen üben. Aber für gewöhnlich wenn ich mit einem Instrument liebäugel was ich geil finde dann gehts ziemlich schnell mit dem Kaufen. Ich suche seit Jahren eine String Orchestra, das suche ich schon seit bestimmt 6-7 Jahren. Es gibt nur ganz wenige und wenn man eine findet dann ist es sehr teuer. Also da gucke ich schon sehr lange nach.

Wie du bereits meintest bist du “ein großer Fan der deutschen Sprache”. Könntest du dir dennoch vorstellen eine englischsprachige Platte rauszubringen? Oder französischsprachig?

Ich finde Französisch mega geil. Ich finde es sogar schöner als deutsch. Ich finde den Sound von Deutsch eigentlich gar nicht so geil aber die Vielfalt. Es gibt halt soviele Wörter und so viele verschiedene Wörter für ein und dieselbe Sache die sich aber immer so ein bisschen anders anfühlen. Und so lange ich das Gefühl bei einer anderen Sprache nicht habe, heißt ich müsste eine Weile in einem englischsprachigen oder französischsprachigen Land leben, solange kommt es für mich nicht in Frage.

Ich kann natürlich sehr gut Englisch, aber es ist eben was anderes vor allem wenn es um Ausdruck geht und wenn man mit der Sprache spielen will und nicht nur sagen will “und dann passiert das und dann passiert das” dann brauche ich diese Freiheit und da fühle ich mich in anderen Sprachen eingegrenzt als in meiner Muttersprache. Ich träume ja auch auf Deutsch. Aber es würde mir schon mal gefallen einen Track auf Französisch zu schreiben, ich mag die französische Musikkultur. Aber ja solange ich hier lebe, ist das für mich keine option.

Und wenn eine Anfrage kommt von einem anderen Künstler?

Kommt darauf an, also nicht weil er berühmt ist, das würde mich nicht interessieren. Wenn jetzt z.B. Stromae anfragt, ein Held von mir, er hätte Bock mit zusammenzuarbeiten dann ja. Wobei ich glaube, die Leute mit denen ich zusammenarbeiten würde, wenn die anfragen würden dann wären sie auch damit einverstanden, dass ich es mache wie ich es mache.

Du gehst im Mai auf Deutschlandtour. Auf welche Tracks freust du dich live am meisten?

Ich freu mich eigentlich auf alle. Ich hab ein paar Sachen umarrangiert damit es für niemanden langweilig wird. Dann will ich mir immer in bisschen was einfallen lassen. Ich freue mich auf den ersten Song, wo ich mit der Kitar spielen werde.

Tourdaten für die „Klebstoff“-Tour

03.05. Mannheim – Alte Feuerwache
04.05. Wiesbaden – Schlachthof
05.05. Hannover – Musikzentrum
07.05. Konstanz – Kulturladen
08.05. Stuttgart – Clubcann
09.05. Leipzig – Conne Island
10.05. Berlin – Huxley’s
11.05. Hamburg – Mojo
15.05. Wien – Porgy & Bess
16.05. Nürnberg – Hirsch
17.05. München – Ampere
18.05. Zürich – Dynamo Zürich

Tickets sind hier erhältlich.

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