Interview // Oehl zu ihrem Debütalbum „Über Nacht“

Oehl Interview Über Nacht

Oehl, das Duo vom österreichischen Sänger Ariel Oehl und dem isländischen Instrumentalisten Hjörtur Hjörleifsson, ist zwar gerade wie wir alle zuhause, aber wir hatten die Gelegenheit, uns mit den beiden über ihr Debütalbum „Über Nacht“ und das Musikerleben im Interview per gutem alten Telefon zu unterhalten. Das Album haben sie gerade erst im Januar unter Grönland Records veröffentlicht. Die beiden kennen sich ursprünglich aus Salzburg, wohnen aber mittlerweile beide in Wien. Manchmal klingt es so, als wären sie lieber in Salzburg geblieben. Ari sagt: „Ich wollte nie nach Wien, da ist es groß und dreckig. Aber es ist schon immer noch eine der lebenswertesten Städte der Welt. Ich denke das liegt aber vor allem am Vergleich zu Salzburg, die Stadt ist sehr gepflegt. Ich frage mich, ob Salzburg gerade überhaupt noch offen hat, da die ganze Stadt wie ein Museum ist.“ Aufgrund der aktuellen Situation musste die Band auch die vier letzten Konzerte ihrer Tour absagen. Deutschland hatten sie schon durch, da sie glücklicherweise bereits im Februar starten konnten. Vom Österreichteil konnten sie nur knapp die Hälfte der Termine wahrnehmen.

Neue Wildnis

„Rund um den Release vom Album war einiges geplant. Wir haben fast alles geschafft und sogar noch mehr, da wir bereits die nächsten 2 EPs planen. Die erste wird ein Cover werden, auf dem Sängerinnen und Sänger unsere Lieder interpretieren. Wir können noch nicht zu viel verraten, aber haben schon einige sehr coole Zusagen. Einen der Songs, „Neue Wildnis,“ werde ich auch in isländischer Übersetzung singen,“ erzählt uns Hjörtur geheimnisvoll. „Ich bin mir bei dem Titel noch nicht sicher, da es unterschiedliche Übersetzungen für das Wort Wildnis gibt. Ich denke, ich werde mich für das Unbebaute entscheiden, das passt sehr gut zur ersten Zeile im Lied.“ Auf die Nachfrage, welche Acts denn bereits zugesagt haben, verrät uns Ari nur, dass es vorwiegend weibliche sind und nennt als Beispiele KeKe und My Ugly Clementine. Mehr dürfen sie uns noch nicht sagen.

Im Album „Über Nacht“ erkennt man klar das dynamische Zusammenspiel zwischen dem Österreicher und dem Isländer, welches auch am Telefon durchdringt. Die beiden verstehen sich, trotz oder vielleicht auch gerade wegen ihres unterschiedlichen Hintergrunds. Im Gespräch wechseln sie sich ab, ohne sich zu unterbrechen, für kurze Augenblicke klingt es wie ein Gespräch zwischen Freunden, bei dem wir zuhören dürfen. Bei Ari hört man im Hintergrund das Familienleben, es entsteht eine vertraute Atmosphäre, obwohl wir uns nicht sehen können.

Sie sind unter anderem wegen der Musikszene nach Wien gezogen, auch wenn diese laut Hjörtur sehr klein ist. „Nach ein paar Jahren kommt man darauf, dass sich fast alle kennen. Wir haben auch zum Beispiel mal mit der Romy von den Pauls Jets geprobt.“ Ari, der noch nicht ganz so lang dabei ist, wirkt, als könnte er es immer noch nicht ganz glauben, dass Oehl inzwischen ein Begriff der Wiener Szene ist. „Du kannst dich in Wien achtmal vorstellen und keiner kennt dich. Man merkt, wie man selbst ein bisschen arrogant wird, wenn man Musik macht. Das ist irgendwie elitär. Früher habe ich auf Kollaborationsanfragen Absagen oder keine Antworten bekommen. Mittlerweile antworten uns die Leute und machen mit. Sobald man etwas veröffentlicht und ein paar Streams hat, bekommt man viel leichter Zusagen.“  

Als Band im Home Office

„Wir treffen uns zur Zeit nicht, weil wir ziemlich streng einhalten, was das Bundesministerium vorschlägt. Jeder von uns hat seine zwei Sozialkontakte, Freundin und bei mir mein Kind,“ sagt Ari zur unvermeidbaren Frage, wie die aktuelle Lage die Band beeinflusst. „Wenn man über Wochen dieselben zwei Leute sieht dann ist das auch irgendwie anstrengend. Aber – wir arbeiten an einem Kollaborationsprojekt mit Yukno, zum Beispiel. Ich hatte heute schon ein Skype Gespräch mit denen. Eigentlich wollten wir uns zum Schreiben treffen, jetzt schicken wir uns stattdessen Files rum. Zum Glück gibt es heutzutage die Möglichkeit, weiterhin mit vielen Leuten etwas zu machen.“ Und, wie Hjörtur ergänzt, jetzt haben die Leute Zeit. Die beiden schmieden am Telefon Pläne über ein Oehl Orchester, oder, wie Hjörtur sagt, eine „Weird-World All-Star Combo. Aber vielleicht macht Bilderbuch sowas schon, die sind immer ganz vorne mit den Ideen. Hoffentlich sind wir dann eingeladen.“

Wie schreibt man Songs – und vor allem: in Zeiten von Covid-19?  

„Grundsätzlich gibt es da verschiedene Varianten,“ sagt Ari. „Eine ist, dass wir gemeinsam mit Marco, unserem Produzenten jammen und so die musikalischen Skizzen entstehen. Dann singe ich etwas darüber und Hjörtur legt den Bass drauf. Aber das kann sehr lange dauern, bis wir da zufrieden sind.“ Als social distancing-sichere Variante ergänzt Hjörtur: „Oder man sitzt im Schlafzimmer vor dem Computer und bastelt. Im Grunde genommen war das eh schon immer ein Teil von unserem Prozess.“

Bis auf ein paar Gitarren und den Bass hat die Band vom Album eh fast nichts im Studio aufgenommen. Das liegt zum einen an den verschiedenen Rhythmen der beiden und den Zeiten der Produktivität, zum anderen an dem gelungenen Charme der spontanen Einfälle der Schlafzimmer-Demos. „Ich glaube, das ist eh ein genereller Trend. Die Musikszene hat sich in den letzten Jahren umgestellt auf Bedroom Productions. Das ist nicht wie in den 70ern oder 80ern, wo man sich im Studio eingemietet hat und schon eine fertige Idee hat, von dem was man macht. Man musste wirklich etabliert und groß sein, um das Geld dafür zu haben, ewig im Studio zu sein und zu basteln.“ Sie vergleichen ihren Prozess mit Cloud Rap, wenn doch das Ergebnis ein ganz anderes ist. Oehl ist spielerisch-verträumt, melancholisch aber trotzdem voller Klang und Melodie.

Seine Inspiration für die Texte holt Ari sich von Gedichten. Er hat überall Bücher herumliegen, in unterschiedlichen Sprachen. „Meine Mutter hat mir gerade ein türkisches geschenkt, mit deutscher Übersetzung natürlich. Da nehme ich mir dann eine Zeile, die mir gefällt und baue etwas drum herum.“ Oft handelt es sich auch um andere Musik oder Teile der griechischen Mythologie. Auf „Über Nacht“ waren es laut Ari eher düstere Themen, „es geht viel um Trauer, Abschied und Tod, aber auch um Sinnsuche und Glauben.“ Er spricht viel in Vergleichen, beim Schreiben, sagt er, sei es ähnlich wie beim Hip-Hop, der ja oft Rock-Sachen sampled. „Die haben von vorhandenen Platten die Beats rausgenommen und neu zusammengesetzt.“

Das Leben als Musiker

Früher hatten sie neben Oehl noch andere Berufe, Hjörtur ganz klassisch, wie er sagt, in der Gastro und Ari als Grafiker. Aber jetzt steht die Band an erster Stelle. „Das ist das, wovon wir momentan am meisten haben. Es wäre schade, diese kreative Idee woanders reinzustecken. Ich bin aber immer offen, einen Song mitzuschreiben oder zu produzieren, als Gastmusiker oder Gastautor.“ Gerade ist es natürlich eine Ausnahmesituation. Sie sind optimistisch und hoffen, im Herbst den letzten Teil der Tour nachzuholen und das entstehende Minus aufzuholen.

„Man weiß aber ja auch nicht, wie sich die Wirtschaft entwickelt. Es fallen so viele Jobs weg und viele Menschen können sich das Leben nicht mehr leisten. Sie müssen schauen, wie sie das Geld für Miete und Essen zusammenkriegen. Ich habe keine Ahnung, was mit der Musikindustrie passieren wird. Klar kann es sein, dass sie mehr Musik konsumieren, aber die externen Veranstaltungen fallen aus. Über Spotify verdienen wir Künstler ja leider nichts.“ Wie Hjörtur sagt sind Konzerte die größte Einnahmequelle für Künstler. Aber nicht nur sie selbst, sondern auch die Veranstalter, Eventfotograf*innen, Bookingagenturen und Ticketverkaufsstellen leiden.

Was sollen wir außer Oehl zur Zeit hören?

Um sich trotz der schwierigen Wochen auch auf die schönen Dinge zu besinnen, sprechen wir zum Abschluss noch einmal über Musikempfehlungen. Ari erzählt vom neuen Album der walisischen Sängern Cate Le Bon, „Reward.“ Er sagt: „Ich finde es echt rewarding, sich Zeit zu nehmen, um das Album zu hören. Zeit, die wir ja jetzt haben. Ich finde, so wie jetzt gerade Leute Zeit zum Lesen finden, ist es auch eine gute Zeit, sich in klassische Musik einzuhören. Ich finde ein guter Einstieg in die klassische Musik ist auch Bach und die Kunst der Fuge. Oder Lieder von Schubert, die sind nah an der Popmusik dran.“ Um die eher kleinen Künstler zu unterstützen sagt Hjörtur: „Noch eine Empfehlung ist natürlich, zu schauen, was die lokalen Bands im eigenen Umfeld machen. Es gibt gerade sehr viele Live Streams und Heimkonzerte. Da passiert gerade etwas Besonderes.“

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