Review // „Reunions“ von Jason Isbell and the 400 Unit

Jason Isbell Reunions

Sie haben es mal wieder geschafft. „Reunions“ von Jason Isbell and the 400 Unit beglückt uns selbst in der Quarantäne mit fantastischer neuer Musik. Auch wer um Country sonst einen weiten Bogen schlägt sollte hier unbedingt reinhören. Denn das neue Album ist davon weiter entfernt als je zuvor – vergisst dabei aber nicht seine Wurzeln.

Wem Jason Isbell noch nicht bekannt ist, sind die „Drive-By Truckers“ vielleicht ein Begriff. Isbell war für 6 Jahre in der Band bevor er 2007 seine Solo Karriere startete. Mit „Reunions“ bringt er nun sein siebtes Album heraus. Seine Songwriting-Künste kennen dann vielleicht noch ein paar mehr von euch, hat er doch für den Film „A Star is Born“, mit Lady Gaga und Bradley Cooper, den Song „Maybe It’s Time“ geschrieben. Ob es das erste Mal ist, dass ihr von Isbell hört, oder ihr schon lange Fans seid, „Reunions“ wird euch sicherlich den ein oder anderen Ohrwurm verpassen.

Neues Album mit bekannten Themen

Jason Isbell and the 400 Unit haben ihr neues Album „Reunions“ zwar offiziell überall am 15. Mai veröffentlicht – zu bekommen war es aber schon eine ganze Woche früher. Um kleine Plattenläden zu unterstützen hat Jason Isbell Reunions dort am 8. Mai zum Verkauf freigegeben. In Interviews betont Isbell, dass Reunions zwar nicht als klassisches Konzeptalbum entstanden ist, sich aber klar ein retrospektives Muster durch die Songs zieht. Mit vielen Jahren Abstand gelingt ihm hier eine beeindruckend einfühlsame Aufarbeitung.  

Vorab durften wir alle über die letzten Wochen und Monate hinweg schon ein paar Songs hören, die die Vorfreude auf das Album befeuert haben. Die Lieder „What’ve I Done to Help“, „Dreamsicle“ und „Only Children“ sitzen Fans also vermutlich schon einige Zeit im Ohr – und weil sie die ersten drei Songs auf der Tracklist sind, kann man direkt laut mitsingen. Aber auch auf frische Ohren treffend kommunizieren diese Songs klar den Charakter des Albums. Das gilt auch für „Be Afraid“, der der erste Teaser für das Album war und nun in der Mitte wiederzufinden ist.

Tongebende Singles für den Einstieg

Der Opener „What’ve I Done to Help“ ist erstaunlich dynamisch für seine über 6 Minuten. Verspieltes plucking auf der Gitarre über die Strophen, geschickt plazierte Hammond-Orgel im Hintergrund beim Refrain, unauffällige, aber dennoch treibende Perkussion und eskalierende E-Gitarren sorgen dafür, dass der Song keinesfalls zu lang wirkt. Vielleicht habt ihr ihn ja schon in unserem Release Day Beitrag für euch entdeckt.

„Dreamsicle“ mit seiner bittersüßen Nostalgie folgt darauf mit einem Umschwung in Isbell’s unverwechselbare Country Marke. Hier transportiert er uns zurück in seine Jugend und das emotionale Chaos zwischen der süßen Freiheit des Sommers und der bitteren Realität einer zerrütteten Familie. Die verträumte Gitarre untermalt den Text durchwegs, der Rhythmus flüstert fast nur darunter vorüber und das Klavier setzt zusammen mit der zweiten Gitarre Akzente, ohne jedoch jemals den Gesang zu verdrängen.

Mit „Only Children“ wird der Ton nochmal etwas sanfter, das Thema härter. Der Tod durch Opioide wird zwar umschrieben, aber die beschriebene Person nicht darauf reduziert. Empathie und Trauer werden hier meisterhaft in Wort und Klang geschaffen. Der Text stumpft auch nach vielen Replays nicht ab.

“Heaven’s wasted on the dead / That’s what your mama said / And the hearse was idling in the parking lot / She said you thought the world of me / and you were glad to see / they finally let me be an astronaut.”   

Jason Isbell – „Only Children“

Reunions ist rockiger als gewohnt

Hiernach greift Jason Isbell Reunions wieder unter die Arme und schwingt ins rockige um. Fröhlich wird es keineswegs, aber der Wechsel im Ton belebt das Album eindrucksvoll. Noch eindrucksvoller ist wohl, dass „Overseas“ ein live take ist, also von der ganzen Band zusammen live eingespielt wurde. Die Energie merkt man dem Song an. Gitarren Soli galore.

Neuigierigen verrät Isbell auch gern was hinter dem Klang steckt.

Insgesamt ist das Album eine Nummer rockiger als wir es von Isbell gewohnt sind. An dem kurzen Intro von „Running with Our Eyes Closed“ kann ich mich kaum satt hören. Wenn dann der Refrain einsetzt und Schlagzeug und Gitarre zusammen aufdrehen will man das auch mit dem Lautstärke Regler tun. Ich freue mich schon sehr, das irgendwann einmal vom Publikum mitgesungen im Konzert zu erleben. Ähnlich geht es mir bei „Be Afraid“, ein weiterer Song, den wir schon vor der Veröffentlichung des Albums hören durften. Er ist wohl der tanzbarste Song auf dem Album. Zwischen den beiden erinnert „River“ allerdings noch einmal daran, dass Jason Isbell and the 400 Unit ja auch Country machen. Amanda Shire’s Geige bekommt hier auch einen wohlverdienten Platz im Rampenlicht.

Persönlicher Abschluss

In üblicher Isbell Manier drücken „St. Peter’s Autograph“ und „It Gets Easier“ zum Ende wieder ordentlich auf die Tränendrüsen. Ersterer behandelt den Selbstmord eines Freundes, „It Gets Easier“ thematisiert Isbell’s Alkoholismus. Das Thema kommt nicht zum ersten Mal in Isbells Liedern auf, steht hier aber wie nie zuvor im Fokus. Der Song wirkt dank des Refrains, dem soliden Beat und der kräftigen Gitarren-Riffs zum Glück kathartisch.

„It gets easier / but it never gets easy / I can say it’s all worth it but you won’t believe me / hold down your liquor / and swallow your pride / you’d rather keep it inside / it gets easier / but it never gets easy“

Jason Isbell – „It Gets Easier“

Mit einem letzten Song über das Vatersein, der wieder deutlich in die Country Sparte schlägt, schließt Jason Isbell Reunions ab. Soweit hat „Letting You Go“ es mir am wenigsten angetan. Schlecht ist er keinesfalls, aber er klingt einfach wie ein sehr klassischer Country Song und greift auf viele Klischees zurück. Nach so vielen, wirklich beeindruckenden Songs ist das vielleicht kein besonders fairer Vergleich.

Jetzt schon live und in Akustik-Versionen

Wer jetzt schon einen Eindruck davon bekommen will, wie Reunions live klingt, der sollte unbedingt die digitale Release Show anschauen. Jason Isbell und Amanda Shires spielten die Songs in einem Akustik Konzert am Freitag für ein per Video Konferenz zugeschaltetes Publikum im Brooklyn Bowl in Nashville – einer Bowling Bahn. Viel amerikanischer wird es nicht.

Nicht nur wer auf Alternative-Country oder Southern Rock steht wird hier glücklich. Wer gute Texte und Gitarre mag, der wird Jason Isbell Reunions wohl gern so einige Male unter die (digitale) Nadel legen.

Titelbild: Alysse Gafkjen

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