Interview // Dagobert – Jäger

Interview Dagobert - Jäger
Interview Dagobert - Jäger

Vor einem Jahr haben wir uns gefragt, was macht Dagobert eigentlich gerade? Damals trank er Feldschlösschen, heute ist es Pastis. Wir sprechen diesmal aus gegebenen Umständen nur übers Telefon, die Internetverbindung in die Schweiz ist hin und wieder wackelig. Im Interview zu Jäger, dem neuen Album von Dagobert, wird eines schnell klar: der Schweizer sitzt nicht gerne still. Obwohl Jäger (auch Dagoberts Familienname) erst am Freitag erschienen ist, arbeitet er mit einem Freund schon wieder an neuen musikalischen Projekten. Im Titelsong des gerade erschienen Albums erzählt er von seiner Familie, die ihn erdet. Das Familienleben hat ihn sehr geprägt. „Ich bin ein relativ sorgloser, entspannter Mensch, bei dem grundsätzlich alles gut ist. Das hat sehr viel damit zu tun, dass meine Familienmitglieder immer füreinander da waren.“

Was im letzten Jahr passiert ist

Dagobert wohnt eigentlich in Berlin, aber die Schweiz bietet ihm einen Rückzugsort. Er hat seit etwas über einem Jahr wieder viel Zeit in den Bergen verbracht. Seine Songs sind immer persönlich, auf dem neuesten Album gleichermaßen wie den drei davor. Trotzdem erscheint Jäger durch Lieder wie „Im Wald“ oder „Aldebaran“ etwas weniger romantisch-verklärt, sondern viel mehr selbstzentriert. „Für Dagobert“ ist eine Botschaft von Dagobert an sich selbst und als vorletzter Song des Albums der Höhepunkt seiner Selbstreflexion.

Im letzten Jahr war er selten allein. Sein regelmäßiger Besuch unterstützt ihn oft auch musikalisch, wie zur Zeit unseres Interviews. Trotzdem schreibt nur, wenn er in sich gehen kann, wie in der Hütte in die er sich zurückgezogen hat. Er lässt die Dinge geschehen, und 2020 waren das laut Dagobert selbst für ihn nur positive, trotz allem was sonst so in der Welt passiert ist. „Das letzte Jahr war eines der besten meines Lebens. Es sind nur schöne Sachen passiert.“ Es gibt kein bestimmtes Erlebnis des letzten Jahres, das er nennen möchte, stattdessen bilden viele kleine Eindrücke und die Zeit, die Dagobert mit Freunden verbracht hat, das Gesamte.

Die Entstehung von Jäger

Über seine Inspiration zum vierten Album sagt Dagobert: „Ich habe einerseits wieder eine Muse nach 12 Jahren, andererseits habe ich viel Stanislaw Lem gelesen.“ Außerdem findet er eine große Inspiration in Nietzsche, den er bis vor kurzem lange Zeit beiseitegelegt hatte. Die Theorie der ewigen Wiederkunft ist die Idee hinter dem Lied „Ich will noch mal,“ was laut seiner eigenen Worte gleichzeitig das Herzstück des Albums ist.

Jäger auf Spotify

Im letzten Jahr trennte sich Dagobert sowohl von Label als auch Management. Lust auf einen Major Label Deal hätte er, er ist seitdem er Musik veröffentlicht in Gesprächen, jedoch konnte er sich noch nie einigen. Die kleinen Labels, die er auch als „die Netten“ bezeichnet, haben dafür begrenzte Kapazitäten. „Ich hätte schon gerne mal so eine Million zur Verfügung mit denen man die ganze Welt plakatiert mit Werbung für mein Album und das ganze Internet wird auch noch zugekleistert und dann kriegt jeder mit, dass es was gibt, das extrem geil ist. Die Mund-zu-Mund Propaganda funktioniert nicht so gut, da gibt es zu viel zu erklären.“ Nach einer kurzen Pause stellt er fest, das die Million für sein Vorhaben vermutlich nicht reichen würden.

Der Dagobert Fan

Die Frage, wie genau der Dagobert Fan eigentlich aussieht und für wen er seine Musik schreibt, kann er nicht beantworten: „Ich will nicht mit Gewalt irgendjemanden erreichen, aber ich kann mir vorstellen, dass es schon fast alle sind. Wer schreibt denn sonst so schöne Songs auf deutsch wie ich? Niemand…“ Im weitesten Sinne macht er Pop, seiner Meinung nach Bedarf es aber weder einer Kategorisierung noch eines Vergleichs zu anderen Künstlern. Weit entfernt nennt er Tommi Stumpff. Seine Zielgruppe ist ein Haufen sinnlos zusammengewürfelter Menschen, er denkt aber, dass die Männer ihn tendenziell besser verstehen. „Ich schreibe ja doch sehr oft Liebeslieder für Frauen und wenn man ein Mann ist kann man das nachvollziehen. Bei Frauen funktioniert das nicht, es hat bei mir ja auch noch kein Song im realen Leben zum Erfolgserlebnis geführt.“ In seinen Liedern geht es ihm letztendlich aber nicht darum, eine Botschaft zu übermitteln, sondern um seine Gefühle.

Das vierte Album

„2070“ bezeichnet er als unsterbliches Liebeslied. „Es ist musikalisch sehr reduziert, aber trotzdem viel abenteuerlicher als alle anderen, weil sich nichts wiederholt und niemand weiß, wo es hingeht.“ Die Essenz in diesem Lied beschreibt er als die unendliche, vom Augenblick losgelöste Schönheit eines Menschen, die einen irgendwann überwältigt. „Es geht darum, dass man gewissen Menschen so eine unglaubliche Schönheit ansieht, die nichts mit dem Moment zu tun hat, sondern die etwas Tieferes in sich birgt.“ Bis auf „Wunderwelt der Natur“ hat er alle Lieder erst vor kurzem geschrieben.

Dagobert sagt, er wollte auf diesem Album genau die Gefühle wiedergeben, die er gerade spürt. Deshalb befinden sich bis auf den Live-Klassiker „Wunderwerk der Natur“ nur Lieder, die er im letzten Jahr geschrieben hat. „Ich habe nochmal so viele Songs aufgenommen, die schon immer in der Pipeline waren, die nicht auf diesem Album sind.“ Der Moment ist für ihn wichtiger als die Zukunft. Es gibt viele Möglichkeiten, wie sich diese für ihn gestalten könnte, aber in seinen Augen sind es nur gute, die ihm keine Sorgen bereiten. Eins ist für ihn sicher: er will ein nächstes Album aufnehmen und dann noch eins, bis es nicht mehr möglich ist. „Ich will sonst nichts,“ sagt er.

Dagobert Jäger

„Vor vielen Jahren hatte ich keinen Plan vom Leben, dann habe ich entschieden, dass ich Musiker bin. Dann ging es mir viel besser, dann hatte ich was zu tun. Musikmachen ist die schönste Beschäftigung, finde ich.“ Die Leidenschaft treibt ihn an, von der Musik leben kann er nicht. „Ich bin immer darauf angewiesen, dass mich irgendwer irgendwo wohnen lässt.“

Dagobert sagt von sich selbst, er lebe zu 98% vegan, aber er ist kein Idealist und schreibt niemandem vor, wie er oder sie zu leben hat. Dagobert hat eine bunte Familie. Sein Vater ist (passend zum Nachnamen beziehungsweise Albumtitel) Metzger, ein Verständnis für seinen Veganismus hat er nicht, aber er wundert sich auch nicht mehr über das Leben seines Sohnes.

Einer seiner Brüder ist Priester. Auf die Frage nach seinem Glauben lacht Dagobert: „Ich glaube an alles, was mir das Leben erleichtert. Ich bin nicht religiös, für mich bietet eine Religion Antworten auf Fragen, auf die es eigentlich keine Antworten gibt. Wenn man dann von einer Religion Antworten auf diese Sinnfragen des Lebens bekommt, dann fühlt man sich erleichtert und geborgen. Ich kann das für mich so nicht akzeptieren, aber ich freue mich für den, der es kann.“ Trotzdem ist er gläubig. Er sagt, man besitzt als Mensch einen Verstand, der darauf basiert, dass man an das glauben muss, was man wahrnimmt. 

Dagobert und die Musik

Er weiß zwar nicht sehr viel, was musikalisch aktuell (außer ihm) passiert, aber sagt sein Wissen sei nichtsdestotrotz größer denn je. Eine Künstlerin, die seiner Meinung nach völlig unterschätzt ist, ist Buku Abi. Abgesehen davon meint er, gibt es vorwiegend langweilige Musiktraditionen, vor allem auf Deutsch. Er selbst hört Tiny Tim, Buku, viel klassische Musik, Kreator und immer wieder mal ein bisschen Lou Reed. Er sagt, er ist musikalisch offener geworden. Vielleicht sind deshalb auf dem neuen Album auch etwas persönlicher offenbarende Songs wie „Jäger“. Elf Lieder umfasst das Album insgesamt. Eigentlich war ein kleiner Tourauftakt in der Schweiz bereits im Frühjahr geplant, die Termine werden in den Herbst verlegt. Dann findet auch (endlich und hoffentlich) die Tour durch Deutschland und Österreich statt.

31.08.21 Nürnberg – @stereonuernberg
01.09.21 Stuttgart – @merlinstuttgart
02.09.21 München – Kranhalle
03.09.21 Wien – @chelsea_vienna
07.09.21 Köln – Gebäude 9
08.09.21 Frankfurt – @zoomclubfrankfurt
09.09.21 Berlin – @frannz_club
10.09.21 Hamburg – @die_hebebuehne
11.09.21 Chemnitz – @clubatomino

Folge Dagobert auch auf: Website – Instagram – Facebook – Spotify – Apple Music

Schlagwörter für diesen Beitrag
, , , , ,
Geschrieben von:
Mehr von Sissi
Interview // Goldroger: Diskman Antishock, Teil II
Der 29-jährige Rapper Goldroger ist gerade in seinem Studio in Köln, als...
Weiterlesen
Leave a comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.