Vor Broken Social Scenes Akustik-Set im Neuköllner Plattenladen Rough Trade, hatte ich die Gelegenheit, ihren Sänger Kevin Drew auf Englisch zu interviewen. Der Auftritt fand anlässlich der Veröffentlichung des neuen Albums statt. Remember The Humans ist das mittlerweile sechste Studioalbum des kanadischen Indie-Kollektivs. Bei Tourneen tritt die Band mit neun bis elf Personen auf. In Berlin hingegen teilten sich nur Charles Spearin, Evan Cranley und Hannah Georgas die Bühne mit Kevin Drew. Die Liveperformance von Broken Social Scene verlor dennoch kaum an Intensität und Magie. Es war ihr erstes Deutschlandkonzert nach neun Jahren.
Neben vier neuen Songs durften Klassiker wie Superconnected, Lover’s Spit und Almost Crimes bei dem Auftritt nicht fehlen. Hannah Georgas, die von ihrem frisch angetrauten Ehemann zur Unterstützung nach Europa begleitet wurde, präsentierte zudem den Song Robotic, den sie 2012 auf ihrem selbstbetitelten Album veröffentlichte. Highlight des eindrücklichen und publikumsnahen Konzerts war der Abschlusssong Anthems for a Seventeen Year-Old Girl, bei dem das euphorisierte Publikum unter der Anleitung von Hannah Georgas den Songtext im Chor sang.
Welcher Song auf dem neuen Album Remember The Humans spiegelt den Spirit von Broken Social Scene am besten wider?
Für mich ist das Paying for Your Love. Es ist ein Song, den wir in fünf Minuten geschrieben haben. Er entstand im Moment, und dann hat unser Produzent David Newfield diese Horn-Line hinzugefügt, die so wunderbar exzentrisch zum Rest des Songs passt.
Gibt es eine witzige Anekdote zum neuen Album?
Unser Produzent David Newfield hat einen ganzen Song um die Laute meiner kleinen französischen Bulldogge herum entworfen. Das Ganze war reiner Zufall. Als ich gerade einen Gesangspart aufnehmen wollte, habe ich mein Bier umgestoßen, und Frank hat es vom Boden aufgeleckt. Ich wollte Frank auf keinen Fall allein lassen, weil er offensichtlich etwas betrunken war. Ich hatte ein richtig schlechtes Gewissen und nahm ihn mit ins Studio. Während ich versuchte, einen sanften Gesangspart einzusingen, fing Frank heftig an zu atmen und zu schnauben. David war begeistert und hat ein paar Tage lang an einem Song mit diesen Geräuschen gearbeitet. Ich dachte erst, es sei ein Scherz, aber Dave hat sich richtig reingekniet. Es gibt also einen bisher unveröffentlichten Song, auf dem mein Familienhund zu hören ist. Bislang hat das Stück aber noch keinen Namen.
Was ist deiner Meinung nach das ausschlaggebende Element bei euren Songs? Die Melodie, der Text oder die Botschaft?
Da kann ich mich nicht festlegen. Alles greift ineinander und ist von Bedeutung. Es wird allerdings zurecht gesagt, dass es vom jeweiligen Tag abhängt, welchen Song oder welchen Text man für den besten hält. Ich bin wirklich dankbar für den gesamten Entstehungsprozess von Remember The Humans und dafür, wie jeder einzelne Musiker der Band an dieses Album herangegangen ist und sich eingebracht hat. Ich liebe zum Beispiel Ariel Engles Textzeile … breakfast in economy … im Song Briefest Kiss.
Ist das Schreiben von Songtexten ein Ventil für dich?
Ja, denn es gibt einem die Chance, Dinge zu verarbeiten, von denen man gar nicht wusste, dass sie in einem schlummern – die ganzen Informationen, die man unbewusst aufgenommen hat, und all die Gedanken. Das Unterbewusstsein zeigt einem, wo man geradesteht. Die Trauer um meine verstorbene Mutter hat beispielsweise Einfluss auf das Album genommen.
Remember The Humans bewahrt trotz ernster Themen einen hoffnungsvollen Grundton. Gibt es Beispiele für Textzeilen, die diese Hoffnung zum Ausdruck bringen?
Ich habe das Gefühl, dass alle zwölf Songs zuversichtlich sind. Ich glaube nicht, dass ich jemals einen Song ohne Hoffnung angehe. Schon eine einzelne Zeile kann einem so viel positive Energie geben, so zum Beispiel They’re gonna leave you and I im Song Parking Lot Dreams, wo es in Anbetracht einer von Unsicherheiten geprägten Welt um den Zusammenhalt in Partnerschaften geht.
Wie gehst du mit kreativen Blockaden um?
Ich versuche abzuschalten. Meistens lasse ich das Schreiben dann erst einmal gut sein. Ich schreibe auch gar nicht so viel, und wenn, passiert das Songwriting häufig eher spontan. Es ist wie eine Botschaft, die mich überkommt, und dann nutze ich den Moment.
Neben dir als Frontmann gab es von Anfang an regelmäßige Wechsel bei der Besetzung des weiblichen Gesangsparts von Broken Social Scene. Geschieht das rein zufällig?
Ich glaube, gerade unsere Sängerinnen machen einen wesentlichen Teil unseres Erfolgs aus. Wer singt, ergibt sich immer daraus, wer gerade verfügbar ist und wer in dem Moment ein Teil von Broken Social Scene sein möchte. Feist, Amy Millan von Stars und Emily Haines von Metric haben einen Grundstein für die Bekanntheit der Band gelegt. Es sind alles Sängerinnen, die ihre eigenen, beeindruckenden Karrieren verfolgen. Später hat sich uns unsere Freundin Lisa Lobsinger angeschlossen, und kurzzeitig haben wir mit Elizabeth Powell von Land of Talk zusammengearbeitet. Danach hat Ariel Engle, auch bekannt als La Force, das Ruder übernommen. Sie ist mit Andrew Whiteman verheiratet, der Bandmitglied der ersten Stunde ist. Aktuell singen Jill Harris und Hannah Georgas bei uns. Auf Remember The Humans haben Ariel Engle, Feist und Lisa Lobsinger aber auch wieder mitgewirkt. Wir können uns glücklich schätzen über diese „weibliche Antriebskraft“, welche uns emotional leitet, denn das brauchen wir einfach. Wir könnten als reine Männerband nicht fortbestehen.
Du hast als Soloartist vier Alben rausgebracht. Gibt es bereits Pläne für ein neues Soloalbum, oder liegt dein Fokus jetzt wieder ganz auf der Band?
Ich denke, jetzt bleibt es erst einmal bei der Band. Meine Frau und ich haben kürzlich zudem ein gemeinsames musikalisches Projekt gestartet, so wie früher Ariel und Andrew. Wenn man Musik macht, möchte man das irgendwann miteinander teilen. Es ist einfach eine wunderbare Art, die Bindung zueinander weiter zu vertiefen.
Du bist auch Musikproduzent. Bevorzugst du es, Musik zu produzieren oder selber Musik zu machen?
Am liebsten mache ich Musik vor einem Publikum.
Wie hast du dich in den letzten 25 Jahren verändert?
Ich bin abgehärteter und habe meinen kindlichen Geist ein Stück weit verloren, aber dafür an Reife gewonnen. Ich habe ein tieferes Verständnis dafür bekommen, was Schmerz ist und was es wirklich bedeutet, dankbar zu sein.
Was ist das Geheimnis hinter dem Zusammenhalt eurer vielköpfigen Band?
Vergebung. Wer vergeben kann, der weiß auch, wie man weitermacht.
Trefft ihr euch häufig privat?
Früher haben wir uns regelmäßiger getroffen. Heute machen wir das nicht mehr so oft, aber bald beginnt unsere gemeinsame große Tournee. Wir sind immer noch fest im Leben der anderen verankert. Wir sind zu einer Familie zusammengewachsen, und eine Familie lässt sich nicht im Stich. Es ist anders als zu Beginn, aber wir sind Freunde und tauschen uns aus. Wenn wir in Schwierigkeiten stecken, sind wir füreinander da, und genau darum geht es. Es ist zweitrangig, ob man sich ständig sieht oder nicht.
Eure bevorstehende Tour trägt den Titel All The Feelings Tour. Welche Gefühle möchtet ihr beim Publikum vor allem hervorrufen?
Begeisterung, Freude und ein wenig Traurigkeit. Es ist außerdem von großer Bedeutung, authentisch zu bleiben. All das sind die Zutaten für eine großartige Show.
Nach diesen persönlichen Einblicken dürfen wir uns nun auf die All The Feelings Tournee freuen, denn Broken Social Scene kommen im September für einige Shows auch nach Europa. Metric und Stars sind mit an Bord. In Berlin könnt ihr die drei Bands am 19. September in der Columbiahalle sehen. Aktuell sind noch Tickets erhältlich, aber ihr solltet schnell sein, denn wann bekommt man schon einmal die Gelegenheit, drei solch großartige Indie-Bands an einem Abend zu erleben? Zudem ist der Ticketpreis für die Show mehr als fair.
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Titelbild: Kevin Drew und Jordan Allen
