Interview // Efterklang: Windflowers

Seit mehr als 20 Jahren begeistern Efterklang mit einer experimentellen, unnachahmlichen Mischung aus Pop, Rock und Elektro. Die Dänen Mads Brauer, Rasmus Stolberg und Casper Clausen veröffentlichen am 8.10.2021 ihr neues Album Windflowers mit neun Songs. Die drei Singleauskopplungen Living Other Lives, Hold Me Close When You Can und Dragonfly werden bei bereits uns rauf und runter gehört. Sänger Casper Clausen hat in einem sympatischen Interview über Zoom so manches Geheimnis rund um das sechste Studioalbum Windflowers gelüftet. Das Originalinterview wurde aus dem Englischen übersetzt.

Mads und Rasmus leben nicht am selben Ort wie Du. In welcher Form habt Ihr drei während der Pandemie am neuen Album Windflowers zusammengearbeitet, bevor Ihr es aufgenommen habt?

Wir haben im März 2020 begonnen am Album zu arbeiten. Ich war in Lissabon und die anderen beiden in Kopenhagen. Wir haben eine Dropbox verwendet, wo wir Ideen für Songs hinzufügten und innerhalb von ein bis zwei Monaten entstanden so 70 bis 80 verschiedene Entwürfe. Es waren so viele Entwürfe wie nicht zuvor. Das Songwriting ist bei uns immer ein kollektiver Prozess. Die Idee für Songs beginnt für gewöhnlich bei Mads oder mir. Rasmus ist so etwas wie unser drittes Ohr. Jeder von uns ist an jedem einzelnen Song beteiligt. Ein Song durchläuft mehrere Phasen, alle müssen begeistert sein und schließlich ihr OK geben, damit ein Song auf einer Platte landet. Als wir wieder reisen konnten im Juni 2020 trafen wir uns dann auf der Insel Møn im Süden Dänemarks, wo wir die Entwürfe gemeinsam anhörten, Ideen weiterentwickelten und schließlich mit den Aufnahmen begannen.

Habt Ihr alle Songs auf Windflowers während der Pandemie geschrieben?

Einige Songideen nahmen bereits vor dem Pandemieausbruch ihren Lauf. Hold Me Close When You Can entsprang aus einer kurzen Klaviermelodie, an der ich im Februar kurz vor Corona während der Soundchecks auf unserer Tour arbeitete. Rasmus sagte eines Tages, dass er etwas Großes darin sieht, und daher nahmen wir sie als Voice Memo auf und entwickelten sie später weiter. Der Schreibprozess des letztes Albumtitels Åbent Sår begann auch bereits im Januar 2020.

Gibt es einen bestimmten Grund, warum im Gegensatz zum Vorgänger Altid Sammen nur ein dänischer Song auf dem neuen Album zu finden ist?

Wir haben einfach die besten Songs ausgewählt. Ich hätte gern mehr dänische Titel auf die CD genommen, aber andere Titel haben im Kollektiv das Rennen gemacht. Ich persönlich hätte mir gewünscht, dass die eine Hälfte der Albumtracks auf Dänisch ist und die andere auf Englisch. Åbent Sår war unserer Meinung der richtige Song, um das Album ausklingen zu lassen. Der Song ist eine Kooperation mit unserem schwedischen Freund, dem Technoproduzenten The Field.

Windflowers sind Symbole der Hoffnung und des Wandels. Welche der neuen Songs spiegeln diese Leitmotive am deutlichsten wider?

Dragonfly ist anders. Die Single hat einen poppigeren Rhythmus als Efterklangsongs für gewöhnlich haben. Es ist ein Sommersong voller Harmonie.

Der Text von Living Other Lives beleuchtet nicht die negativen Aspekte von Sozialen Medien, sondern die positiven. Soziale Medien bieten unglaubliche Möglichkeiten. Sie haben einen verbindenden Charakter. Mit ihrer Hilfe können wir am Leben von Freunden und sogar am Leben Fremder teilnehmen, zum Beispiel durch kurze Videos. Es gibt außerdem einen emotionalen Aspekt. Man kann etwas Persönliches von sich zeigen und sieht Menschen aus ganz verschiedenen Blickwinkeln. Living Other Lives zelebriert und schätzt diese verrückten, vor 20 Jahren ungeahnten, Möglichkeiten der sonst viel kritisierten Sozialen Medien.

Welchen Song vom Album bevorzugst Du hinsichtlich des Sounds?

Ich liebe den letzten Song Åbent Sår bei dem wir mit the Future, der einen komplett anderen Sound macht, kollaborierten. “It’s a sort of stripped-down piano song and the vocals are kind of balladry in some sort of way, but then it sort of just goes into this like long tail of way more metric, rhythmic track.”

Welche sind Deine Lieblingslyrics auf Windflowers?

Ich mag die Lyrics von Mindless Center. Es geht darum, die Autobahn entlangzufahren. Zu sehen, wie das Universum an einem vorbeizieht, mit ihm im Einklang zu sein und sich klar darüber zu werden, dass man nicht allein ist, auch wenn man sich einsam fühlt.

Ihr habt eine Musikvideokooperation zu Alien Arm mit Fans gestartet. Bereits das Musikvideo zu Hold Me Close When You Can besteht aus Bildern, die von 812 Fans aus 49 verschiedenen Ländern stammen. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, die Fans an den Clips zu beteiligen?

Wir haben schon früh versucht unsere Fans mit einzubeziehen. Als wir 2010 den Film An Island mit Regisseur Vincent Moon gedreht haben, wurden 5000 Fans exklusiv dazu eingeladen, den Film für Freunde oder auch Fremde aus ihrer Gegend auszustrahlen. Es gab Filmvorführungen auf dem ganzen Planeten. Wir haben ein Bandmantra; wir wollen nicht für Menschen spielen, sondern mit ihnen Musik machen. Beim aktuellen Projekt Efterklang Developed hatten wir zunächst vor, den Fans eine echte Kamera zum Fotografieren zu schicken. Aber letztendlich haben wir uns für die leicht bedienbare APP entschieden, vor allem, weil sie klimafreundlicher ist. Ihr folgt einfach den Anweisungen, hört den neuen Song an und während des Hörens macht ihr Fotos mit denen ihr auf das Gehörte reagiert. Es ist wundervoll, was an Output herauskommt und wie viele Menschen sich beteiligen. Wir wollen eine Art Gemeinschaftsgefühl erzeugen. Ich hoffe unsere Fans haben Spaß bei dem Projekt. Jeder, der mitmacht, bekommt seine Fotos per Mail zugeschickt und eine Auswahl von Fotos landet im Video.

Ihr habt Windflowers auf einer dänischen Insel aufgenommen. Ist Dänemark, Eure Heimat, eine Inspirationsquelle für Euch und Eure Musik?

Ich lebe seit 10 Jahren nicht mehr in Dänemark. Es ist für mich wie eine Art anderer Planet, den ich ab und zu besuche. Meine Eltern, mein Bruder und viele Freunde leben dort. Ich spreche die Sprache und bin mit der Kultur verwurzelt. Die Dänen sind warmherzig. Manchmal hasse ich es aber in meiner Heimat zu sein. Meine Schwester, die in New York lebt und nach zwei Jahren mal wieder nach Dänemark kam, fragte mich, ob ich das Gefühl kenne, mich am liebsten so weit wie möglich weg zu beamen, wenn ich in Kopenhagen bin. Ich antwortete, dass mir dieses Gefühl vertraut ist. Meine Herkunft hat mich definitiv beeinflusst, zum Beispiel in dem Punkt wie ich die Welt wahrnehme. Wir sind mit dem Meer aufgewachsen. Dänemark ist das Land der tausend Inseln. Wir Dänen haben eine eigene Mentalität. Das wurde mir besonders vor Augen geführt als ich in der Schweiz in Lausanne lebte.

Gibt es dänische Bands, die Euch musikalisch beeinflussen?

Es gibt viele gute neue Bands aus Dänemark. Erst heute hörte ich das neue Album Outside Of Your Lifetime von Astrid Sonne. Als wir anfingen haben wir zu Bands wie Mew und Under Byen, die außerhalb von Dänemark auftraten, aufgeschaut. Under Byen sangen auf Dänisch und spielen verrücktes Zeug mit all ihren Instrumenten. Sie machten ihr Ding. CV Jørgensen ist zudem einer meiner Lieblingssongwriter.

Kannst Du beschreiben, wie es sich angefühlt hat nach der Pandemie die Bühne wieder zu betreten?

Ich liebe es Livemusik zu machen und vor Publikum zu performen. Es war solch eine Explosion von überschüssiger Energie. Ich bin wahrscheinlich über die Bühne geschwebt. Momentan sind Auftritte etwas ganz Besonderes. Zum einen schätzt das Publikum Konzerte mehr denn je, weil es länger keine Shows besuchen konnte, zum anderen sind die Künstler euphorisch, weil sie lange nicht auftreten konnten. Konzerte bringen Menschen zusammen. Jedes Konzert ist aufs Neue eine einzigartige Erfahrung. Performen ist der Teil vom Musikbusiness, den ich am liebsten mache.  

In welchem Ausmaß hat Corona Dein Leben verändert?

Ich habe versucht, mir selbst näher zu kommen. Normalerweise bin ich eine Person, die viel reist. Während Corona habe ich viel Zeit an einem Ort verbracht, was andere Gefühle zum Vorschein brachte. Ich habe versucht mit mir selbst in Einklang zu kommen. Ich war weniger streng mit mir und habe mich weniger über meine eigenen Fehler geärgert. Es war die merkwürdigste Zeit meines Lebens, vor allem auch physisch. Die anderthalb Jahre Distanz und diese Unbeholfenheit, was Berührungen betrifft, haben mich verändert. Jeder benötigt menschliche Berührungen, sie machen uns glücklich. Darüber hinaus hatte ich mehr Zeit, um Gitarre zu spielen und ich nahm, wie viele auch, an mehr Zoom-Meetings als je zuvor teil.

Gibt es bereits Pläne wie es musikalisch bei Euch weiter geht?

Zunächst wird sich erst mal alles um Windflowers drehen. Erst gehen wir auf Europatour und dann auf Amerikatour. Im Sommer planen wir Festivalauftritte. Währenddessen möchte ich neue Musik mit Efterklang schreiben für ein weiteres Album. Des Weiteren wurde ich eingeladen bei einigen Projekten mitzuwirken. Manche Projekte werden nicht nur in eine rein musikalische Richtung gehen, sondern eher in Richtung Oper und Theater. Ich habe bereits in meiner Solokarriere Gefallen daran gefunden. Auf YouTube findet man meine interaktive Livestream Show April, bei der es um Gerüche geht. In diesem Bereich möchte ich weitermachen.

Wenn ihr auch nicht genug kriegen könnt von Efterklang, tretet doch einfach Efterklang’s Sock Society bei. Und lasst Euch die Gelegenheit, ein Konzert der Band auf ihrer Deutschlandtournee ab Februar zu besuchen, nicht entgehen. Ihr Auftritt am Maifeld Derby in diesem Sommer war fulminant. Die Band hat das Publikum mit ihrer unvorstellbar positiven Energie von der ersten Minute an magisch in ihren Bann gezogen.

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Titelbild: Dennis Morton

Geschrieben von:
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