Durchgehört // Saguru – In Bloom

Genau ein Jahr nach Veröffentlichung der Debüt-EP In Limbo ist Sagurus zweite EP In Bloom erschienen. Der Kontrast der Titel beider EPs impliziert eine musikalische Weiterentwicklung des Singersongwriters. Sagurus ausdrucksstarke Stimme trifft auf Drumbeats, experimentelle Gitarrenriffs und Synthie-Sounds, woraus magische Klanglandschaften resultieren. Die vier Jahreszeiten finden sich zudem in den Tracks wieder. Während Ophelia als Einstieg das allmähliche Erwachen des Frühlings widerspiegelt, Shake die Leichtigkeit des Sommers transportiert und Chasing Images an einen Herbststurm erinnert, ist Deep In Thought der perfekte Seelenwärmer für kalte Wintertage. Der Münchener Christian Rappel alias Saguru hat uns tiefe Einblicke in die Entstehung der Songs seiner brandneuen EP gewährt.

Ophelia

Um die Bedeutung von Ophelia zu verstehen, muss man in meine Vergangenheit zurückgehen. Mein ganzes Leben lang habe ich mich über die Musik definiert, ich habe mich immer als “der Typ aus der Band” gesehen und mich nur mit Gitarre spielen und meinen Idolen beschäftigt. Als die Schulzeit zu Ende ging und ich bereit war, jede Sekunde meinen Träumen zu widmen, begann plötzlich alles zu bröckeln. Meine Freunde und Bandkollegen fingen an, woanders zu studieren, und die Band löste sich auf. Ein Gefühl des Zurückgelassenwerdens machte sich in mir breit. So albern es klingt, aber mit 19 hatte ich das Gefühl, dass mir die Zeit davonläuft, dass ich in der Blüte meines Lebens verwelkte.

Ophelia ist somit ein verzweifelter Ruf nach Poesie, Literatur, Musikalität und Kreativität, um mich aus dieser Situation zu befreien. Ich zog mich in mein Zimmer zurück und spielte jeden Tag stundenlang verschiedene Gitarrenschleifen. Ich schloss die Augen und vertiefte mich in die Musik. Das war die Geburtsstunde von Ophelia und die Geburtsstunde meines Soloprojekts Saguru. Von da an wusste ich, dass ich mein musikalisches Schaffen nie wieder vollständig von anderen Menschen abhängig machen würde. Diese verzweifelten Gefühle sind heute weit weg. Ich habe so viele tolle Menschen in meinem Leben und sehe die Musik als Freund und Begleiter, nicht als Retter. Ich bin sehr froh, den Song nach all den Jahren endlich aufgenommen und ihn offiziell in meiner Diskografie zu haben, denn er beschreibt einen wichtigen Abschnitt meines Lebens.

Water (Interlude)

Water entstand aus einer kleinen Jam Session mit mir selbst. Ich hatte die Aufnahme nach einiger Zeit auf meinem Rechner gefunden und dachte mir, da kann man doch was draus machen. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass der Song perfekt zu Deep In Thought passt und die Idee mit dem fließenden Übergang zu Deep In Thought ließ mich nicht mehr los. Da es bei Ophelia metaphorisch viel um Wasser geht, hat es sich perfekt angefühlt, das Interlude an diese Stelle zu packen. So treibt man aus der Verzweiflung von Ophelia in einem schwebenden Zwischenspiel tief in die Gedankenwelt von Deep In Thought hinein.

Deep In Thought

Deep In Thought war tatsächlich der erste Song, den ich für die EP fertig hatte. Ich war mir sofort sicher, dass das nächste Projekt um diesen Song herum gesponnen werden soll. Es fing alles damit an, dass ich mein Traum Effektpedal gekauft habe. Jahrelang habe ich darüber nachgedacht, ob ich mir es wirklich zulegen sollte.

Als ich endlich ein bisschen Geld übrig hatte, war es dann so weit. Zu hause schloss ich es an mein Interface an und begann Gitarrenspur über Gitarrenspur einzuspielen. Es fühlte sich an als würde ich mir meine eigene Traumwelt bauen. Aus diesem großen Brei von Spuren sortierte ich erstmal aus und brachte alles in eine geregeltere Songstruktur. Es fühlte sich richtig an, zum ersten Mal komplett nur in Kopfstimme zu singen, um den einzelnen Gitarren Licks mehr Raum zugeben. In den letzten Jahren habe ich hauptsächlich Bands wie Beach House und DIIV gehört und es war mein Ziel, einen Shoegaze Song in einen Dream Pop Mantel zu packen. Ich freue mich, was im Endeffekt daraus geworden ist. Deep In Thought ist mein persönlicher Favorit der EP.

Shake

Der Weg, bis ein Song veröffentlicht wird, ist wirklich lang. Es ist ein Weg, den man immer wieder durchlebt. Man öffnet sein tiefstes Inneres und gießt das in einen Song, hofft das dieser gut angenommen wird und arbeitet oft Monate lang auf den Release hin. Man ist mega aufgeregt und im Endeffekt passiert dann eigentlich nicht wirklich viel. Und das immer und immer wieder. Man fällt in ein Loch und fragt sich nach dem Sinn seines Tuns. Man zweifelt an seinem Weg. Es fehlt die Kraft, um wieder von vorne anzufangen. Dieses Gefühl von Machtlosigkeit und Antriebslosigkeit wird in Shake verarbeitet. In der Realität weiß man, dass jedem Tief ein Hoch folgt und das man natürlich wieder weiter macht, aus Liebe zu dem, was man tut. Dies wird im Song durch den positiven Vibe wiedergegeben.

Chasing Images

Als ich den Song schrieb, stellte ich mich der Herausforderung, einen einfachen 4-Chord-Song zu schreiben, ihn aber so episch wie möglich zu gestalten. Der Song handelt zunächst “nur” von dem Ende einer Beziehung. Die Person ist sich ihrer Fehler bewusst, verliert sich aber immer mehr in einer Gedankenwelt, die immer komplexer wird. Eine Gedankenwelt, die die Zukunft, die die beiden hätten haben können, bis ins Unendliche verherrlicht. Am Ende ist es jedoch nicht mehr und nicht weniger als eine Einbildung und die Person allein mit sich und der Stimme in ihrem Kopf.

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Titelbild: Thess Riva

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